Wozu Raumfahrt

Wissenschaft ist grundsätzlich anerkannt als Teil der Gesellschaft und als Empfänger staatlich umverteilter Steuermittel. Ohne Forschung kein Fortschritt und ohne Fortschritt kein Wohlstand, diese Formel ist heute common sense. Bei der Raumfahrt ist es etwas schwieriger, hier ist der Aufwand sichtbar hoch, der Start stets ein Bild und eine Nachricht wert, aber mit der Faszination für die "erhabene" Idee mischt sich in der Öffentlichkeit häufig die kritische Frage nach Kosten und Nutzen.

Diese Frage wird von den Veranstaltern, dann auch meist aus der Wissenschaft beantwortet, wie eine Kosten-Nutzen-Rechnung. Für die teilnehmenden Wissenschaften wiederum bildet Raumfahrt meist die Eliteprojekte, hier wird eine Selektion der spannensten, aufwändigsten Themen, der besten und ehrgeizigsten Wissenschaftler vorgenommen. Für den Normalbürger bleibt die Geste des Abhebens und des Aufbruchs zu neuen Zielen, die eine vage verheißerische Dimension hat.

Von der Mondlandung waren seinerzeit viele Zeitgenossen fasziniert. Auf die Frage, "wenn ich groß bin, kann ich dann auch in den Weltraum fliegen", rechnete der Vater ganz nüchtern nach .. "ja, im Jahr 2000, da wird es eine breite Raumfahrt-Industrie geben, da kannst du sicher auch mitmachen." Tatsächlich glaubte man Ende der 1960er, dass es nach den Mondmissionen bald schon mit größeren Stationen und Reisen zu anderen Planeten weiter gehen würde. Schon bald wurden aber die Projekte gestrichen, die großen Visionen eines Aufbruchs in den Weltraum mit ihnen.

Heute ist die öffentliche Anteilnahme an der Raumfahrt von dem Zeitgeist, von einem gesellschaftlichen Trend, weit entfernt. Eine kulturelle oder philosophische Dimension schwingt bei heutigen Raumfahrtprojekten allenfalls unterschwellig mit. Sie ließe sich pointiert formulieren etwa: Wozu Menschheit? oder auch - Wozu Fortschritt und Wohlstand? - wenn nicht, um seinen Horizont zu erweitern.

Raumfahrt, insbesondere bemannte, ergänzt diese Antwort um die Körperlichkeit - was immer es an philosophischen Aspekten geben mag, die Erweiterung des Horizonts geschähe letztlich durch die Bewegung eines menschlichen Körpers von der Erde weg. Dieser Ansatz hat auch unbestreitbare Evidenz.Dazu gehört die "ökologische" Dimension: Mit den Erschwernissen, Umständlichkeiten und Einschränkungen des Raumfahrers, der sich von der Erde entfernt, wird auch der Wert des Planeten Erde deutlicher. Als Objekt im Ganzen gesehen erinnert der blaue Ball im dunklen Raum an seine Körperlichkeit, Begrenztheit, nicht-Unendlichkeit, aber auch seine Einzigartigkeit - bezogen auf die mineralische Struktur, die Länder, Gebirge, die sichtbaren Wetterphänomene, und weiter auf die Zusammenhänge der Natur und des Sozialen.

Aber bei aller Faszination für die "richtige", physische Raumfahrt: Realistisch und auch wiederum ökonomisch gesehen wird die physische Bewegung in den Raum einem sehr, sehr kleinen Kreis vorbehalten bleiben.

Kunst und Raumfahrt

Die Kunst ist, vereinfacht gesagt, auf der Suche nach Schönheit. In verschiedenen Ausprägungen, Formen, Produkten. Auch etwa in dem Zusammenspiel von Menschen, was teils "prozessorientierte Kunst" genannt wurde. Manchmal wird es einfacher, wenn man den Begriff "Kunst" weglässt. "Interdisziplinär" oder "multidisziplinär" arbeiten wir dann. Und tatsächlich lauert möglicher Gewinn für Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft, Bildung und wiederum zwischen verschiedenen Fachbereichen allein darin, dass sie sich gegenseitig "irritieren", soziologisch gesprochen, oder "inspirieren", didaktisch gesprochen.

Und jetzt kam der Gedanke, dass dafür die Raumfahrt eine gute Klammer ist. Gerade weil ihre Ziele "far out" sind, kann sie einen roten Faden für Disziplinen und Fachgebiete bilden, die sonst kaum zusammen kämen.

Hier setzt "Mars rocks" an. Als eine erste, exemplarische Veranstaltung mit diesem Ansatz wurde im Sommer 2004 das Projekt "Mars rocks" organisiert, das den Ansatz einer bemannten Mars-Expedition als Rahmen für multi-disziplinäre Kultur verwendete. Am "Oststrand", einem Sandgelände zwischen der Spree und der früheren Berliner Mauer, wurde ein einfaches, konstruktivistisch gestaltetes "Habitat" aufgebaut, das für zwei Wochen Keimzelle einer Reihe von Auftritten war: Elektronische Musik, Skulptur und Performance, Architektur, technische Fortbildung und öffentlicher Diskurs.

Köln 2008 und 2009

Im September 2008 und 2009 werden wir in Köln, in Kooperation mit regionalen Kulturprojekten und an mindestens zwei Standorten eine weitere Auflage von "Mars rocks" realisieren. Die Grundelemente des vorigen Projekts werden dabei weiter entwickelt:

Architektur

Die Verhältnisse von Bewegung, auch beruflicher "Flexibilität", und lokaler Gemeinschaft geraten zunehmend in Bewegung. Wie weit soll oder muss man reisen, um einen Arbeitsplatz zu finden? Wieviel Zusammenleben braucht man neben dem Zusammenarbeiten? … Das "Habitat" stellt diese Frage ganz grundsätzlich: Wie wäre es, auf einem fremden Planeten zu landen, wieviel Platz braucht ein Mensch dort zum Leben? Wieviel Gemeinschaft braucht er neben den geplanten Arbeiten? …

Bildende Kunst

Köln ist von je her einer der wichtigen deutschen Standorte für bildende Kunst, hier hat sich vor allem auch eine Tradition der Zusammenarbeit unter Künstlern entwickelt. .. Der Gedanke an einen fremden Planeten ist hier einmal inspirierend - das Fremde als Anstoss, neues zu erproben. Dann aber kann aus der Kunst auch ein Beitrag zu der Frage kommen, welchen Wert der Besuch eines anderen Planeten hat. Wissenschaftler und Planten-Geologen suchen auf dem Mars Steine mit Abdrücken etwa einer fossilen Mars-Schnecke - und damit den Beweis für Leben außerhalb der Erde. Diese mögen aber vielleicht effizienter von Robotern gesammelt werden, ebenso wie seltene Rohstoffe - ein Geschäft wird die Marsexpedition so oder so kaum werden. Aus Sicht der Kunst könnte weniger das Finden wertvoller Objekte die ganze Mission wertvoll machen, als die Setzung neuer Werte. Eine auf dem Mars hinterlassene Fahne, ein Marsmobil oder Habitat mögen der Menschheit das Gefühl geben, eine "Spur hinterlassen" zu haben. Spannender aber könnte es sein, dort etwas zu hinterlassen, das vorher nicht geplant ist - etwa eine Skulptur, die aus den Materialien und den Bedingungen und Erfahrungen vor Ort entstanden ist. Wir werden bildende Künstler einladen, von diesem Ansatz inspiriert Installation, Skulptur und Performance einzubringen.

Freizeitkultur

Spass an Technik .. spielerischer Umgang .. Kinder und Jugendliche .. Schatzsuche per Handy und GPS (geocaching.org) .. spielerischer Wettkampf .. Dann: Party - Musik, neue Muster und Klänge ..

Bildung

Technische Spielzeuge (Jugendliche), Robotik, Projektmanagement, …

Wirtschaft

Wirtschaft: Labor für Trends: Elektronische Spielzeuge, Ästhetik der Raumfahrt, Beweglickeit und der Kontext technischer Neuerung können gute Vorraussetzungen sein, neue Produkte aus mobiler Unterhaltung, auch etwa Sport und Mode, zu erproben, vorzustellen, zu entwickeln. - Touristen-Attraktion

Diskurs

Wie hier angerissen, Diskussion, Entwicklung, Fundierung von philosophischen, soziologischen, logistischen, politischen, ökonomischen Fragestellungen im Kontext von Raumfahrt und Gesellschaft.

Perspektive

Im September 2008 findet eine Woche lang die erste Kölner Veranstaltung statt, sie thematisiert vor allem bildende Kunst und Architektur und schließt mit einer öffentlichen Veranstaltung. Parallel dazu dient dieser Zeitraum als Arbeitstreffen für die Aktiven und Partner des Projektes im Folgejahr.

Im Herbst 2009 werden wir in einer großen Veranstaltung über drei Wochen die genannten Stränge zusammen führen. Neben den Künstlern sind dann auch wissenschaftliche und Bildungseinrichtungen angesprochen, und es werden Partner aus der kommunalen Projektförderung wie auch aus der Wirtschaft eingebunden. Eine detailliertere Planung wird im Laufe dieses Sommers entwickelt und u.a. bei dem 2008er Projekt dem Kreis der Partner vorgestellt.
Auch danach sehen wir weitere Perspektiven für diesen Ansatz, in Köln und darüber hinaus.

Weltweit sind eine Reihe von zivilgesellschaftlichen Organisationen entstanden, die sich mit Raumfahrt beschäftigen und mit denen eine Vernetzung angestrebt wird: Das Monopol einer "Staatskunst", noch zu Zeiten des kalten Krieges demonstrativ als Gegenpol zu den militärischen Entwicklungen betrieben, ist kaum haltbar.
Im Rahmen der Mars Society wurden etwa Konzepte entwickelt, eine Mars-Expedition allein durch Lizenzeinnahmen von Medien-Verwertungsrechten zu finanzieren, ähnlich den Olympischen Spielen oder der Formel 1. Mit SpaceShipOne hat ein privat entwickeltes Projekt viel Aufsehen erregt. Die Fortsetzung durch den "Lunar X-Prize" ging im Februar durch die Presse.
Einfache, hocheffiziente, privat entwickelte Technik wird auch bei anderen, weniger in der Öffentlichkeit auftretenden Projekten eingesetzt, etwa "Archimedes" der deutschen Mars Society.

Vor diesem Hintergrund konzentrieren wir uns bei Mars rocks auf kulturelle Entwicklungsfragen, und betrachten diese globale, auf gut 20 Jahre angelegte Perspektive als sehr spannend.

 

 
 
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